Bitte steigen Sie ein: Die Höchste Eisenbahn im Interview

Bitte steigen Sie ein: Die Höchste Eisenbahn im Interview

Die Höchste Eisenbahn sind Francesco Wilking (of Tele-fame), Moritz Krämer, Felix Weigt und Max Schröder (aka Der Hund Marie). Gerade haben sie ihr mit Spannung erwartetes zweites Album “Wer bringt mich jetzt zu den Anderen” veröffentlicht.

Wir trafen die beiden Frontmänner Moritz und Francesco vor einer Weile in Berlin und mussten gleich mal feststellen, dass der Promotext zum Album (Stichworte “großer Spaß” und “Leichtigkeit”) uns teilweise ganz schön auf die falsche Fährte geschickt hatte. Umso erhellender (hoffentlich auch für euch!) war dann natürlich das Gespräch mit den beiden.

*   *   *

Habt ihr eigentlich manchmal ein schlechtes Gewissen, weil euch die Eisenbahn so verdammt viel Spaß macht?

Francesco: Das ist eine schöne Frage. Du meinst schlechtes Gewissen, weil andere struggeln? Nein, wir struggeln ja auch.

Moritz: Das locker-leichte steht nur im Promotext.

Francesco: Ich hatte einen anderen Promotext geschrieben, wo der Struggle drin war und dann hieß es, ne lass mal lieber raus. (lacht)

Das heisst, es war gar nicht so leicht?

Francesco: Das war ja noch nie leicht!

Moritz: Doch, wir hatten total Lust, wieder was aufzunehmen, weil wir beim Proben für die Konzerte der letzten Platte schon immer neue Sachen gejammt und Handy-Skizzen gemacht haben. Das hat uns immer Spaß gemacht, genau wie die Sachen, die wir da zusammen gefunden haben. Das eigentliche Aufnehmen war aber schon auch anstrengend.

Francesco: Wir haben uns einfach in die Arbeit gestürzt. Aber das war jetzt nicht so “Huch, fertig!”

Moritz: Es gibt halt Hochs und Tiefs. Dieses ganze Ding zwischen uns hat ja auch eine Entwicklung. Ganz am Anfang hat jeder beim anderen mitgespielt. Später schleppte jeder was an und wir haben nur manchmal Musik zusammen geschrieben. Bei dieser Platte jetzt haben wir eben ganz viel Musik zu viert geschrieben.

Francesco: Die Voraussetzung war anders. Wir hatten diesmal wirklich ein weißes Blatt Papier. Das letzte Mal hat jeder was mitgebracht. Das wirklich Anstrengende ist aber, wenn der Flow fehlt, weil man ein Lied zu lange liegen gelassen hat. Wenn man trainiert, kommt man da hin, dass man ein Lied in dem Moment, in dem es Form annimmt, gleich schnell genug fertig macht.

Wenn man das nicht macht, denkt man “Ich singe jetzt das und das, aber ich könnte ja auch was ganz anderes singen. Das Lied ist jetzt schnell, es könnte aber auch langsam sein. Es könnte auch in einer anderen Tonart sein…” Dann tun sich diese ganzen Möglichkeiten auf. Damit hatten wir ein bisschen zu kämpfen.

Moritz: Das ist auch bei zwei Liedern im Text gelandet. “Wir haben so lange nachgedacht, bis wir wütend waren” bezieht sich auch darauf, dass wir Tausend Themen hatten, die zu diesem Lied passen. In “Jemand ruft an” singen wir “Wenn du die Wahl hast, wirst du wahnsinnig.” Das hat auch etwas damit zu tun.

Gibt es manchmal Knatsch, weil ihr ja praktisch zwei Frontmänner seid?

Moritz: Nein, eher nicht. Wir haben auch nicht immer auf die gleichen Sachen Lust. Es kann sein, dass der eine mehr Lust hat, an einem Song weiterzuarbeiten. Es kollidiert nichts, weil der eine weiterschreibt und der andere loslässt. Oder man versucht irgendwas und wenn man nicht weiterkommt, kommt der andere vielleicht weiter und dann freut man sich, weil man sich so schön ergänzt.

Wir schreiben auch nicht genau gleich und haben auch nicht genau die gleichen Themen. Dadurch entsteht etwas Neues, worüber man sich freuen kann. Also Knatsch gibt es nicht, es ist eher eine Platzfrage. Deshalb haben wir auch alles vollgesungen. Höchstens daraus, dass der Platz begrenzt ist, könnte mal Knatsch entstehen.

Hattet ihr denn jetzt viele Songs, die es nicht aufs Album geschafft haben?

Moritz: Wir hatten einen Ordner mit Handyskizzen, da lagen ungefähr 20 Songs drin, aber auch viele halbe oder viertel Songs, teilweise noch vom Album davor.

Francesco: Es gibt auch ganz fertige Lieder, die wir am Ende nicht gemacht haben.

Moritz: Wir haben auch überlegt, ob wir bei den 13 Liedern die jetzt drauf sind, lieber noch drei weglassen, damit die Platte nicht so lang ist. Ne Stunde ist ja schon eher lang, das hält nicht jeder durch.

Naja, ihr seid ja auch keine Punkband.

Moritz: Die machen kurze Platten?

Die machen im Extremfall halbe-Stunde-Platten und die Songs sind alle nur 1:30 lang.

Francesco: Im Hiphop ist es okay, lange Platten zu machen. Man hat ja viel zu erzählen.

Kanye West hat 20 Tracks drauf.

Francesco: Genau.

Moritz: Bernd Begemann 35!

Francesco: “Eine kurze Liste mit Forderungen”.

Die da wären: Alles!

Francesco: Ja, das war geil, eigentlich ein Geniestreich. Jeder Artikel über das Album fängt an mit “Naja, ganz so kurz ist die Liste ja nicht…”

Habt ihr an irgendeiner Stelle vielleicht doch mal den Druck des verflixten zweiten Albums gespürt? Ihr seid ja beide keine Anfänger, aber beim zweiten Album muss ja immer irgendwie nachliefern, will sich ja aber auch nicht wiederholen.

Francesco: Ich glaube, wir haben dieses Nachliefern-Ding so ein bisschen rausgenommen. Sonst wäre die Platte nicht so verspielt geworden. Man hätte sagen können, wir machen das, was wir können und auf der ersten Platte gemacht haben, jetzt noch ein bisschen schneller, heller und klarer. Das haben wir aber nicht gemacht, das machen wir dann hoffentlich auf der nächsten Platte. (lacht)

Was war eure absonderlichste Inspirationsquelle?

Moritz: Das steckt zwar nicht mehr im Lied drin, aber “Woher denn” war eigentlich ein Lied über einen Stalker. Das kam aus einer Sektwerbung. Ein Typ besucht eine alte Freundin und sie treffen sich auf der Treppe. Eigentlich kennt er sie aber nur aus der Werbung, wohnt gegenüber und beobachtet sie immer, also aus der Sicht eines Stalkers. Das wird aber im fertigen Lied gar nicht klar, die Leuten sagen eher, es sei eine total schöne Liebesgeschichte.

Wie steht es um eure anderen Projekte, wenn die Eisenbahn wieder Fahrt aufnimmt?

Moritz: Tele sind ja neulich wieder aufgetreten, ich spiele auch bald wieder. Jeder hat noch so seinen anderen Kram. Ich hab manchmal so Theatermusiksachen, Francesco Filmmusik, Felix spielt viel in anderen Bands, Max spielt in anderen Bands. Es fallen auch immer wieder Lieder hinten runter, bei denen man denkt, die nehme ich dann mal solo auf. Francesco will eine Rap-Platte machen. Behauptet er jedenfalls immer.

Eine Frage zu einem konkreten Songtext: Was mischt “Timmy” da Komisches an?

Francesco: Ich weiß es selbst gar nicht.

Moritz: Ich war der Meinung, es müsste irgendwie so eine Art Weltformel sein oder Funkstrom, eben irgendwas ganz Großartiges. Vorhin meinte jemand, es müsste eine Bombe sein. Aber vielleicht ist das gar nicht so wichtig.

So richtig explosiv klingt es nicht.

Moritz: Klar, du hast es nachgemischt oder was? “Haben Sie schwarze Kondome” Ja, hier. Dann noch Magnesium, Mehl… Das kann schon leicht entzündlich sein. Man müsste es halt mal ausprobieren. Das machen wir dann bei der Releaseparty!

Ist “Timmy” denn irgendwie mit “Mario” (von Tele) verwandt? Vielleicht die dystopische Version?

Francesco: Ich hab mir da die ganze Zeit überhaupt keine Gedanken drüber gemacht, dass es eine ähnlich Biografie sein könnte, aber natürlich gibt’s da Parallelen. Mario ist so ein Dünnbrettbohrer, der sich ein bisschen ausprobiert und am Ende doch den Laden des Vaters übernimmt. Timmy ist da anders, der ist so “new elite”.

Er hat sich alles selbst aufgebaut, aber sicher unter Ausbeutung anderer. Er hält sich ja auch exotische Tiere zuhause.

Moritz: Ich denke auch, dass er ein Arschloch ist.

Francesco: Er hat die exotischen Tiere, er hat die Kunstwerke… Er hat eine Raketenbasis, das macht ihn ein bisschen unsympathisch (lacht).

Ansonsten sind die Texte und vor allem die Musik ja eher leicht. Woher nehmt ihr eure Leichtigkeit in Anbetracht des ständig näherrückenden Weltuntergangs?

Moritz: Die Texte sind doch eigentlich alle ziemlich düster. “Erobert & geklaut” ist auch düster.

Francesco: “Blume” ist nicht düster, aber eher sowas wie ein Wunsch. Man wünscht sich, dass es leicht ist. Aber es ist auch nicht “Alles ist leicht, komm mit”.

Eigentlich ist ja gerade der Kontrast zwischen leichter Musik und düsteren Texten interessant.

Francesco: Wenn musikalisch UND textlich alles schön leicht ist, nennt man das Schlager… Oder Popmusik.

Moritz: Es ist lustig, wir stimmen immer sofort zu. Du sagst, es klingt alles schön fluffig und wir sagen ja. Vorhin meinte jemand, es sei alles düster und da sagten wir auch ja. Wir wissen es gar nicht so richtig.

Francesco: Da sind wir so ein bisschen Fähnchen im Wind. Vorhin fragte jemand, ob wir auch mal was Schnelleres machen wollen (lacht).

Meine Frage ist, ob ihr mal einen Protestsong schreiben würdet.

Beide: Haben wir doch! Hahaha!

Francesco: “Wenn ihr jemals einen Protestsong schreiben würdet!” Man ey, wir haben sicher schon fünf Protestsongs geschrieben, das hat niemand gemerkt.

Moritz: “Erobert & geklaut” ist doch ein Protestsong.

Francesco: Das ist der letzte Song. Viel zu weit hinten auf der Platte, bis dahin hat es niemand geschafft. Wenn wir einen Protestsong schreiben würden, den wir noch nicht geschrieben haben, wäre der nicht gegen bestimmte Leute, einen Konzern, eine Partei oder eine Regierung. Er wäre gegen diese komische, satte Unbeweglichkeit, die alles andere übersieht.

Moritz: Das Satte, das den anderen übersieht, ist das Establishment, oder?

Francesco: Ne, das ist ja das, wogegen wir “Erobert & geklaut” geschrieben haben. Aber ja, warum denn nicht das Establishment, genau. Mir ist wichtig: Gegen das, was Menschen machen. Dann zu erkennen “Scheiße, ich bin ja auch einer von denen” und zu überlegen, was man damit macht, sich selber so zu ertappen.

Wie steht Die Höchste Eisenbahn Verkehrsgesellschaft AG zu Schwarzfahrern, überpingeligen Kontrolleuren und betrunkenen Fußballhorden?

Francesco: Ich würde es mit John Lennon sagen: Man kann sich nicht aussuchen, in welchem Briefkasten der Brief landet. Aber ein bisschen schon, irgendwie. Bestimmte Mitfahrer würden glaube ich automatisch einfach einen anderen Anbieter wählen.

Moritz: Du bist ja gerade voll im Character! Du bist der Zug…

Francesco: Klar, das war ja die Frage.

Moritz: Sorry, ich sitze gerade einfach nur in der U-Bahn und sehe den Kontrolleur, der mir gleich wieder 40 Euro abnimmt. Das ist doch alles subventioniert. Warum muss man da diese Typen durchschicken? Ich würde eher so Schranken einführen, wie in anderen Städten. Wer unbedingt will, kann drüberspringen.

Aber ihr selbst seid ja nicht subventioniert.

Moritz: Doch, Musicboard! (lacht)

Francesco: Initiative Musik! TIDAL…?!

Welcher Song hat euch das meiste Herzblut gekostet?

Francesco: Für mich war es “Jemand ruft an”.

Moritz: Für dich wegen deiner Strophe, für mich, weil ich mir so ein Klavier-Riff ausgedacht hatte.

Francesco: Du, Moritz, wollen wir das Klavier einfach noch mal aufnehmen? Gleich im Proberaum? (lacht)

Moritz: Dieses Riff habe ich so ein Jahr lang zuhause gespielt. Es fing damit an, dass mir ein Pianist erklärte, was “weite und enge Lage” ist. Ich hab es zwar immer noch nicht verstanden, aber ich dachte, es hat irgendwas damit zu tun. Und dieses Ding habe ich so lange gespielt, bis es immer schneller wurde. Es war erst so 50 Schläge langsamer, aber ich konnte es dann so schnell spielen, dass wir es unbedingt so aufnehmen mussten. Aber es kommt jetzt in der Aufnahme überhaupt nicht mehr vor. Wir haben es rausgelöscht, weil es immer so eierig klang.

Francesco: Stimmt, es ist gar nicht mehr drin.

Moritz: Das spiele ich dann live immer. Ich fange an zu Singen, ich kann es also am Anfang so lange spielen, wie ich will. (lacht)

Welcher junge deutsche Künstler hat euch zuletzt am meisten beeindruckt?

Moritz: Müssen die deutsch sein? So gemein, wenn man nur einen sagen darf.

Francesco: Du sagst den deutschen, ich den internationalen. Meiner wäre Anderson. Paak. Wobei, der ist zwar noch jung, aber Support braucht er eigentlich nicht mehr. Das Album ist großartig, ich hatte erst immer nur die Videos gesehen. Von der Haltung her ist er ein Rapper, aber es ist eigentlich eher Curtis-Mayfield-Musik.

So ähnlich wäre also vielleicht auch die Rap-Platte, die du mal irgendwann rausbringst?

Francesco: Ne, das kann ich leider nicht. (lacht) Aber kein Gangster-Rap zumindest. Als deutschen Act nehmen wir dann einfach Retrogott und Hulk Hodn.

Moritz: Haha, du bist voll auf Rap.

Die sind aber auch nicht wirklich jung.

Francesco: Na gut, dann Yung Hurn. Oder LGoony, der ist jung. Aber der freut sich auch nicht über meinen Support.

Ich schreibe einfach alle auf, damit jeder weiß, dass du im Rap immer ganz vorne dabei bist.

Francesco: Nein, ich bin ja kein Fan, ich mag einfach den frischen Wind. Crack Ignaz und LGoony find ich total super. Yung Hurn hab ich noch nicht ganz verstanden, worauf der so hinaus will…

Moritz: Darf man das schon sagen?

Francesco: Fatoni und Retrogott sind auf unserer Special Edition drauf!

Moritz: Da rappen die was, das ist in dieser Box mit drin.

Was steht denn ganz oben auf eurer Wunschliste für die Band?

Moritz: Zusammen live aufnehmen.

Francesco: Ja! Die nächste Platte machen wir so.

Moritz: Lieder einfach zuhause schreiben, alles fertig. Dann ins Studio und aufnehmen.

Francesco: In Spanien am Meer.

Moritz: Immer so 10-14 oder 10-16 Uhr aufnehmen, dann essen und danach ab ins Meer.

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