Get Well Soon im Interview: Es ist Liebe

Get Well Soon im Interview: Es ist Liebe

Konstantin Gropper alias Get Well Soon war immer ein Mann der ausschweifenden Gesten, ausgelebt in cineastischen, elegischen Songs.

Nicht zuletzt durch Songtitel wie “Werner Herzog get’s shot” oder “Roland, I Feel You” (gemeint war Roland Emmerich), spielten sich beim Hören oft dramatische Filmszenen vor dem inneren Auge ab.

Für sein viertes Album hat Gropper seinen Sound etwas konzentriert und klingt, für seine Verhältnisse, geradliniger und eingängiger.

Auf dem Cover ist ein Ölgemälde von Friedrich Gauermann aus dem Jahr 1832 zu sehen. Der Titel des Albums lautet schlicht “Love”. Biedermeier, Romantik – Ist es verwerflich oder einfach nur menschlich, sich in gesellschaftlich schwierigen Zeiten ins Private zurückzuziehen? Oder ist das hier gar kein Rückzug?

Wir trafen Gropper bereits letzten Herbst in Berlin, um diesen und anderen Fragen auf den Grund zu gehen.

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Wie kommt’s, dass du jetzt über die Liebe singst?

Wusste ich’s doch, dass diese Frage gleich zu Anfang kommt. Dazu kann ich nur sagen, es war keine bewusste Entscheidung. Zu dem Zeitpunkt, als ich dachte, jetzt fange ich ein neues Album an, war es mir irgendwie einfach klar. Es hat sich mir quasi aufgedrängt. Aber es gibt keine offensichtlichen äußeren oder autobiografischen Gründe dafür.

Tocotronic haben ja mit dem roten Album auch erstmals ein ziemlich poppiges Album komplett über die Liebe gemacht.

Das habe ich auch erst erfahren, als ich schon fertig war. Ist aber ein interessanter Zufall. Ich will da jetzt nicht nachträglich was politisches reinbringen, aber wenn man die deutsche Stimmung einfangen will, gibt’s da jetzt anscheinend schon auf einmal mehr Liebe.

Ist Romantik die Antwort auf die Fragen dieser Zeit? Schaut man sich die Bilder an, die du für Album und Single ausgesucht hast, ist das ja schon eine Art Rückzug.

Dieser Rückzug oder die Abkehr von den Problemen der Zeit ist natürlich nicht die Antwort. So verstehe ich Romantik auch nicht. Verglichen mit dem letzten Album, das sich mit den schwierigen Zeiten beschäftigt hat und sich dann in der Konsequenz um Endzeit und den Weltuntergangsmythos drehte, ist das jetzt hier einfach ein konstruktiverer Ansatz. Ob der jetzt realistisch ist, das ist wieder so eine romantische Frage, aber immerhin. Wenn man es als Antwort auf das letzte Album sieht, ist “Love” eine Art Wiederaufbau.

Dagobert singt ja auch sehr offen über die Liebe. Hat deine Arbeit mit ihm dich vielleicht auch etwas für das Thema Liebe geöffnet?

Ja, schon. Ich finde das auch beneidenswert. In dieser Direktheit könnte ich das nicht, aber es hat mich sehr inspiriert. Ich halte ihn ja auch für einen der aktuell besten Songwriter auf deutsch. Der Mann schreibt einfach nur Hits. Leider merken das nur ganz wenige. Dagobert hat ein weitaus größeres Publikum verdient.

Im Radio habe ich glaub ich auch nur mal “Ich bin zu jung” gehört.

Das neue Album könntest du auch rauf und runter spielen, auf allen Sendern.

Was hat sich musikalisch verändert? Man hört, dass “Love” irgendwie fröhlicher ist, aber was genau steckt dahinter?

Fröhlicher vielleicht gar nicht mal, aber es ist auf jeden Fall direkter. Ich hab die Popmusik wieder für mich entdeckt. Vorher habe ich mich nicht wirklich dafür interessiert und mich auf der Suche nach Inspirationen eher bewusst davon entfernt und dann Klassik oder Filmmusik gehört. Diesmal ist da irgendein Knoten geplatzt und ich habe mich im Pop wiedergefunden. Das hat dann den stilistischen Rahmen gesetzt, in dem ich mich bewegen wollte. Deswegen ist es wahrscheinlich zugänglicher und weniger verschwurbelt.

Was genau hast du gehört?

Ich habe mir angewöhnt, keine aktuelle Musik zu hören, wenn ich ein Album mache. Vielleicht weil mich das sonst verunsichert. R.E.M. habe ich gehört, Supertramp, Fleetwood Mac und Tom Petty.

Wie ist das Album entstanden?

Der eigentliche Arbeitsalltag ist relativ unglamourös. Ich mache die Alben ja immer erstmal zu 90 Prozent alleine, danach kommen Musiker und spielen Parts ein und dann wird das noch gemischt und alles. Allerdings habe ich diesmal nicht sofort angefangen zu produzieren, sondern mir gesagt, ich schreibe erstmal Songs. Es ging nicht darum, gleich eine komplette Soundvision im Kopf zu haben. Ich habe mit Gitarre und Gesang bzw. Klavier und Gesang einen in sich geschlossenen Song entwickelt und danach erst alles andere dazugedacht. Diesen Fokus auf den Song hört man wahrscheinlich, es passiert weniger drumherum.

Haben deine Mitmusiker dadurch, dass du nicht so viel vorgegeben hast, mehr Freiheiten gehabt?

Nein. Die Band sind alles alte Freunde von mir. Live sind sie dabei, bei den Aufnahmen nur teilweise. Schlagzeug kann ich zum Beispiel kaum spielen, aber was ich kann, spiele ich auch selbst ein. Der kreative Input der Band kommt, wenn wir proben und das Album auf die Bühne bringen. Denn bei Get Well Soon geht das ja kaum eins zu eins. Das letzte Album war dafür wieder viel zu anders und zu groß instrumentiert. Beim neuen Album passt es vielleicht noch am ehesten.

Wenn du dir einen Musiker für eine Kollaboration aussuchen könntest, wer wäre das?

Mark Hollis von Talk Talk. Ich weiß gar nicht so viel über ihn. Aber mittlerweile, da ich ja Pop wiederentdeckt habe, weiß ich auch das erfolgreiche Frühwerk von Talk Talk zu schätzen. Vorher mochte ich nur die letzten beiden Platten, die ja fast schon Jazz sind. Irgendwie fänd ich es auch schon extrem spannend, mich mit ihm über Musik zu unterhalten. Aber keine Ahnung, was dabei herauskommen würde.

“Young Count Falls For Nurse” klingt schon so synthielastig.

Das ist auf jeden Fall die Art von Musik, die ich gerade viel höre. Aber es war auch einfach der Wortbezug zum Thema des Albums: Romantik. Meine Frage war, was denn eigentlich heutzutage deutsche Romantik ist. So ist der Song auch ein bisschen von Rosamunde Pilcher beeinflusst. Und über neue deutsche Romantik bin ich auf die Strömung der New Romantics gekommen, an denen ich mich in für diesen Song musikalisch orientiere.

Dann muss ich den Song nochmal ganz anders hören.

Nein, musst du auch nicht. Es fragen immer alle nach diesem Song, aber wenn ich es erklärt habe, denke ich, es ist echt keine so gute Erklärung. Aber sie ist halt so.

Hat es Spaß gemacht, damit die eigenen musikalischen Grenzen zu sprengen?

Ja, klar. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Der Song fällt schon auf, aber ich behaupte jetzt mal, dass er trotzdem reinpasst. Ich bin ja der Chef.

Steckt in deinem Album öfter so ein doppelter Boden wie im Video zu “It’s Love”?

Grundsätzlich ist das schon immer so ein bisschen mein Stil gewesen. Ich mag es, wenn etwas oberflächlich daherkommt, dann aber noch mal diese andere Ebene aufmacht. Das könnte man zum Beispiel auch über das Cover sagen. Meine Musik hat immer eine sehr persönliche und oft noch eine sehr bildhafte Ebene. Ich weiß im Prinzip, was ich sagen will, suche mir dann aber nochmal ein Bild dafür.

Du denkst in Bildern, machst Soundtracks, beziehst dich auf Roland Emmerich. Ich frage mich ja sowieso, wann du deinen ersten Film machst.

Ja, das frage ich mich auch. Lust hätte ich schon, aber es ist natürlich auch eine Zeitfrage. Ich war ja schon oft bei Produktionen dabei und weiß, wie viele Leute beteiligt sind und was für ein riesiger Arbeitsaufwand das ist. Es gibt sicher auch viele, die das besser können als ich, aber mal sehen.

Welcher junge Künstler hat dich zuletzt beeindruckt? Also wenn du doch mal aktuelle Musik hörst.

Sizarr finde ich toll, die kenne ich auch ganz gut.

Die sind schon zu alt, oder zumindest schon zu lange dabei.

Na gut. Drangsal, den find ich super. Da kommt jetzt im Frühjahr auch das Album. Sehr vielversprechend!

Wie würdest du ihn beschreiben?

So England, 80er Jahre. Ich will ihm da jetzt auch nicht Unrecht tun. Aber er ist auf jeden Fall ein Fan von Morrissey, The Cure und so, aber ein bisschen punkiger.

Produzierst du auch mal wieder für andere Künstler?

Vielleicht schon, aber im Moment nicht.

Worin liegt für dich der Unterschied zwischen produzieren und eigene Alben machen?

Schwer zu sagen, bei meinen eigenen Alben mache ich ja, was ich will. Produktion ist ja Auftragsarbeit, damit habe ich immer ein gewisses Problem. Es ist auf jeden Fall nichts, was ich hauptsächlich machen will. Ich hätte ständig ein schlechtes Gewissen, dass ich Leute falsch berate. Ich gebe anderen Künstlern wahnsinnig ungern Tipps und wenn ich produziere muss ich das ja. Dabei ich find es bei mir selbst schon immer schlimm und weiß selbst nicht, was erwartet wird, was ankommt oder sowas. Und wenn sich ein Künstler einem Produzenten anvertraut, hat er ja auch eine gewisse Erwartungshaltung. Dann muss ich ja ein noch größeres Selbstbewusstsein aufbringen, um zu sagen: “So, pass auf. Wenn du das so und so machst, dann läuft das.”

Alle sagen immer, die Leute wollen dann ja genau meinen Stil, aber ich weiß nicht so recht. Wenn’s erfolgreich ist, natürlich schon (lacht). Dann kann ich sagen: Yes, Recht gehabt!

Träumst du mit Musik?

Ich kann mich leider in den seltensten Fällen an meine Träume erinnern. Aber klar, warum nicht. Ich habe aber noch nie darauf geachtet. David Lynch träumt bestimmt mit Musik.

Ja, aber nur Albträume.

Klar, wo soll er sonst seine Drehbücher herhaben.

Wovor hast du am meisten Angst?

Krankheit, glaube ich. Bei mir oder meiner Familie. Das ist auf jeden Fall das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Wahrscheinlich sogar noch mehr bei anderen als bei mir selbst.

Was wäre dein musikalischer Albtraum?

Wanda… (lacht). Nein, Quatsch. Am ehesten habe ich wohl Angst davor, mich zu wiederholen. Das ist aber kein Albtraum, sondern einfach ein Anspruch an mich selbst, dass ich mich nicht wiederholen will. Um mich selbst oder andere nicht zu langweilen.

Das neue Album klingt ja schon deutlich anders.

Naja, zumindest nicht gleich. AC/DC haben zum Beispiel einen gewissen Stil erfunden, aber es klingt dann auch immer alles ähnlich, behaupte ich jetzt mal. Damit hätte ich ein Problem. Wobei sich Calexico jetzt musikalisch auch nicht so krass entwickeln, aber da ich sie mag, stört mich das nicht.

Aber ob es nun Musiker, Regisseure oder bildende Künstler sind, finde ich immer die Karrieren interessanter, bei denen man eine Entwicklung sieht. Vor allem bei bildenden Künstlern gibt es viele, die einmal was gemacht haben und dann ist alles so, oder zumindest alles, das man kennt. Rothko oder Pollock zum Beispiel, reicht deren eine Idee für ein ganzes Leben? Gerhard Richter wäre dann das Gegenbeispiel, der hat viele verschiedene Sachen gemacht.

Unter den Musikern ist der wandelbarste immer noch David Bowie.

Deshalb ist er auch eines meiner großen Vorbilder. Oder eben wie schon gesagt Mark Hollis. Der war extrem erfolgreich und hat dann diesen Cut gemacht und gesagt, jetzt machen wir was komplett anderes. Davor habe ich großen Respekt. Bei mir steht dieser Cut aber erstmal nicht an.

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